Die kleinen und nicht so kleinen Schikanen:
Es soll sowas wie eine limitierte Anzahl für Sexheftli geben. Obwohl ich mehrere Male nachgefragt habe, konnte ich bis jetzt die genaue Anzahl der erlaubten Magazine nicht in Erfahrung bringen. Ich wurde über den Inhalt befragt, und ob Penetration und Körperflüssigkeiten abgebildet seien. Ich musste definieren was pornographisches Material ist und was nicht dazu zählt. Ich bin mir nicht ganz sicher weshalb sowas relevant ist. Ich bin achtundvierzig Jahre alt und die Wärter sind auch in meinem Alter oder noch etwas älter. Ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass sie Pornhub, xHamster und Porntube nur aus den Medien kennen. Die Regeln werden willkürlich gemacht und die Anfragen sind Glücksache. Je nachdem wen man fragt ist es möglich, oder eben nicht.
Die Begründung für die bedingte Zusage bzw. Absage waren die Rechtsgeschäfte, die sie hier so unheimlich fürchten. Man könnte das Magazin ja an einen Mitinsassen ausleihen. Ja, das kann man tatsächlich. So fucking what?! Man lebt hier so Weltfremd wie auf einem anderen Planeten, nur dass man pausenlos bevormundet, kontrolliert und zurechtgewiesen wird obwohl, das nur in den allerwenigsten Fällen notwendig wäre.
Es gibt hier tatsächlich Leute, bei denen eine erzieherische Behandlung angemessen ist. Ich allerdings habe sehr wahrscheinlich mehr erlebt und gesehen als jeder einzelne Wärter hier. Ich bin seit bald zwanzig Jahren selbstständig und ich habe in dieser Zeit nur ein paar Monate Lohn bezogen. Die Leute hier haben noch nie für sich selbst gearbeitet, sie haben ihr Leben lang Lohn bezogen. Und dann wollen sie mir vorschreiben, wie viele Sexheftli ich haben darf, da es ja scheinbar ein fiktives Limit gebe. Ausserdem kann ich ja die Alten abgeben und mir dann Neue besorgen.
Übrigens, ich weigere mich, die Angestellten hier als Aufseher zu bezeichnen. Wärter ist viel treffender. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Zoowärter und einem Gefängniswärter. Zwei Mal täglich wird das Essen „iegeh“, man wird eine Stunde in das Gehege gelassen, dann Arbeit und wieder zurück in den Stall. Man wird mit dem Viehtransport vorgeführt, was sich nicht wesentlich von dem Gefühl des Viehs auf dem Weg zum Schlachthaus unterscheidet. Ausserdem bin ich überzeugt, dass Menschen auf die Strasse gehen würde, um Tiere vor so einer Behandlung zu bewahren. Bei Menschen ist das egal, das sind ja alles böse Jungs, die es verdient haben nicht nur im Knast zu sein, sondern auch so behandelt zu werden. Es gibt hier ein paar böse Jungs, aber ich habe nur wenige kennen gelernt. Die bösen Jungs sind eigentlich meistens die blöden Jungs, und mit blöd meine ich nicht nur dumm, also ungebildet, ich meine auch die die unfähig sind zu reflektieren; die, die alle Schuld nur bei den andern sehen und psychopatische sowie narzisstische Züge aufweisen. Meist gewalttätige Menschen, wie vorher beschrieben.
Wiedereingliederung:
Hier wird man unfähig gemacht. Man lernt wie man nirgendwo ausser im Knast überleben kann. Wir haben kein Bargeld, wir dürfen keinen Handel betreiben, wir dürfen unsere Fähigkeiten, unsere Eigenschaften, unsere Kreativität nicht umsetzen, um sinnvolle Projekte, Aufgaben und Arbeiten auszuführen, in die Wege zu leiten und vielleicht dann draussen davon zu leben. Wäre doch mal ein Ansatzpunkt, wenn es doch um Resozialisierung gehen soll.
Viele Leute hier können nicht mit Geld umgehen. Wir haben ein Taschengeld (ja, genau wie Kinder) von CHF 320.—, das wir im Kiosk ausgeben können. Viele Leute haben schon nach zwei Wochen kein Geld mehr. Und das, obwohl wir alles bekommen, was wir zum Leben brauchen. Wir haben Essen (naja, man kann davon Leben, aber es schmeckt beschissen), wir haben eine Unterkunft, wir haben sogar Kleider, die man uns zur Verfügung stellt. Alles, was wir brauchen, ist: Mückenschutz, Ventilator, Wecker, Kaffee, Radio, Schuhe und wer noch raucht, Zigaretten. Vielleicht hie und da mal Früchte oder Schokolade oder Gewürze. Mir reichen CHF 200.—pro Monat problemlos. Ich schreibe jeden Rappen auf, ich habe Exceltabellen für alles. Ich weiss, wieviel ich gejogged bin, wieviel ich wiege, wie lange ich schon hier bin und wie lange ich schon im Knast verweile. Ich weiss sogar, wie oft und wie lange ich Ping Pong spiele. Wäre das nicht etwas, was man den Leuten, die das wollen und brauchen, mitgeben könnte? Ich meine die Fähigkeit ein Budget zu erstellen und seine Finanzen im Griff zu haben? Ich würde mich auch anbieten, um Kurse zu geben.
Ich habe aufgehört zu rauchen. Genaugenommen habe ich im Gefängnis nach ca. sieben Jahren Abstinenz wieder angefangen und nach fast zwei Jahren wieder aufgehört. Ich möchte mich gerne zum Nichtrauchercoatch ausbilden lassen und dann hier Kurse geben, um den Leuten beim Aufhören zu helfen.